Reise Enduro Training

Letztes Wochenende haben wir ein sog. Reiseendurotraining in der Nähe von Schweinfurt absolviert. Kostenpunkt für das eintägige Grundlagen Training waren 119 Euro, Motorrad muss man mitbringen. Der Veranstalter hat sich, so unser Eindruck, für einen Tag die Motocross Strecke gemietet und dort dann mit mehreren Gruppen, mehrere Trainings gemacht.

Insgesamt waren wir sicher 30 Teilnehmer, sechs davon in der Gruppe „Reiseenduro“, die übrig gebliebenen wurden in Einsteiger und Fortgeschrittene aufgeteilt.

Zuerst kam uns die Organisation etwas durcheinander vor, das Einschreiben und Anmelden hat eine gefühlte Ewigkeit gedauert und wir mussten ca. 45 Minuten warten ohne zu wissen was passiert oder wie es weiter geht. Später hat sich dann herausgestellt das die Veranstalter selbst erst fünf Minuten vor uns am Platz waren und sich selbst erst einmal organisieren mussten, bevor sie das mit den Gruppen machen konnten.

Nach dieser Wartezeit ging es dann aber schnell zur Sache. Der Veranstalter selbst hat uns zuerst einmal freundlich begrüßt, mit einer lustigen Mischung aus Schweizerdeutsch und Sächsisch wurden wir auf die Ereignisse des Tages eingestellt. Danach die beiden anderen Trainer bzw. Instruktoren vorstellen und schon waren wir mit Dehnungsübungen beschäftigt. Springen, dehnen, Mittelchen gegen Krämpfe in den Unterarmen… Witzig und sinnvoll…

In unserer Gruppe befanden sich eine Super Tenere, zwei BMW 650 GS, eine BMW 1200 GS, eine BMW 1200 GS Adventure und eine KTM 990 Adventure. Die Teilnehmer an sich waren mehr oder weniger gut vorbereitet. Die KTM wurde standesgemäß von einem knallorangen Rennoutfit bewegt, sogar an die Halskrause wurde gedacht, die BMW 1200 wurde von einem sympatischen älteren Herren, geschätzt 65 Jahre, angetrieben. Bis auf den sympatischen Kuhtreiber hatten alle Teilnehmer Stollenreifen, oder besser, stolliges Profil. KTM mit Mitas Reifen, der Rest mit Heidenau K60.

Der erste Auftrag unseres Instruktors war klar formuliert:
„Koffer und Spiegel ab, hier ist das Werkzeug, lasst euch nicht aufhalten…“
Nach der ersten Runde habe ich übrigens auch meine Scheibe abmontiert, ich hatte vor lauter geschepper Angst das ich irgendwas verliere :)

Danach ging es auf eine große grüne Wiese ohne nennenswerte Unebenheiten, direkt neben der Cross Strecke.Hier angekommen wurden wir zuerst in die Geheimnisse des „stehend Fahrens“ eingeweiht, also Knie durchdrücken, aufrecht stehen, die Hüfte ist der Knickpunkt, Oberkörper leicht nach vorne, auf dem Lenker ruhen. Beim beschleunigen legen wir uns noch weiter nach vorne, beim bremsen den Arsch nach hinten um keinen Überflieger zu machen. Derart aufgeklärt durften wir die ersten kleinen Runden auf der Wiesenfläche drehen, immer unter Beobachtung des Instruktors, bei jeder Runde gab es kleine Verbesserungsvorschläge seitens des Trainers.

Als nächste Lektion stand das Kurvenfahren auf dem Programm, im stehen, äußere Fußraste belasten, Arsch auf die Außenseite der Kurve legen, Motorrad in die Kurve fallen lassen…in der Theorie schnell geschrieben, in der Praxis gar nicht so einfach. Das schwierigste ist wohl das löschen der eingebrannten Abläufe aus dem Straßenverkehr.

Als wir auch diese Lektion gehört und teilweise gelernt hatten, sich schon eine Spur der Verwüstung auf der Wiese abgezeichnet hatte und wir eigentlich auch schon bereit für eine ausgedehnte Pause waren…ging es erst richtig los. Unser Instruktor hat den nun folgenden Abschnitt unseres Trainings mit den Worten „wir fahren uns mal den Kopf frei“ eingeleitet… Pustekuchen…

Die kleine Reisegruppe folgt dem Trainer also in den Steinbruch, auch Crossstrecke genannt. Auf die Unterschiede zwischen einer Super Tenere (ca. 270 KG) und einer BMW G450X (ca. 120 KG) was das Handling angeht brauche ich an dieser Stelle wohl nicht eingehen :) Wobei ich ehrlich sagen muss, ist die Angst erst einmal besiegt oder zumindest ruhig gestellt, verkleinert sich auch der Unterschied im Handling. Klar sind weniger KG besser im Gelände, aber sobald alles in Fahrt ist und sich bewegt, kommt man auch mit 270 KG zurecht. Nach fünf oder sechs Runden um und in der Crossstrecke stellt sich tatsächlich eine Art Sicherheit ein.

Die gewählte und bereits angesprochene Route „um und in“ der Strecke war tatsächlich toll gewählt. Zum einen sind wir fleißig über die Sprungschanzen („Kicker“) gefahren, nicht gesprungen, zum anderen kleine Trampelpfade entlang der Strecke um immer mal wieder in den Streckenverlauf einzubiegen. Besonders schön ist das Gefühl einen Kicker zu erklimmen, voller Mut und Tatendrang diesen auch mindestens genauso elegant wieder zu verlassen, nur um dann feststellen zu müssen das die anderen Teilnehmer an der Kante stehen und schauen…nach unten… :)

Als letzter der Gruppe bleibt nur das abwarten und schon steht man selbst an der Kante, schaut ca. 5 Meter nach unten (gefühlt 60 m) und überlegt sich was der Verkäufer der Yamaha über das ABS gesagt hat…nicht abschaltbar… im Gelände schwierig…dazu kommen dann die Instruktionen des Trainers…bergab nur die hintere Bremse… Hinterreifen blockiert nachziehen…entspannen… Ein Wechselbad der Gefühle und Ängste, aber auch eine tolle Erfahrung für die eigenen Grenzen…

Es ist tatsächlich so, was einem im Weg steht sind die eigenen Bedenken und Ängste, die eigenen Grenzen und selbst geschaffenen Hindernisse. Was sich in geschriebener Form wie ein Groschenroman liest, lässt sich schnell und einfach nachvollziehen. Die erste Runde durch den Steinbruch bin ich noch angespannt und gestresst hinter meinem Trainer nach, am späteren Abend kurz vor Ende des Tages, war mir ein kräftiges Lächeln ins Gesicht gemeißelt, vollgepumpt mit Adrenalin und sonstigen lustigen Stoffen die ein Körper so auf Lager haben kann.

Allerdings war genau dieser Übermut dann auch für einen kleinen Sturz verantwortlich. 30 Minuten vor Abschluss des Tages hat es mir in einer linken Linkskurve das Hinterrad weggezogen, keine Kontrolle, Maschine nach links abgelegt und ein bisschen durch den steinigen Boden gepflügt. Passiert ist der Tenere nichts, den linken Sturzbügel hat es etwas verbogen, der Schalthebel lag etwas höher und der Nippel vom Seitenständer ist nun etwas höher… Aber nichts ernstes, nichts was man nicht wieder gerade biegen könnte.

Übrigens, ich bin sehr zufrieden mit den Bügeln von SW – Motech, die machen genau das was sie sollen und zwar genau da wo sie es machen sollen. Die Maschine hat keinen Kratzer abbekommen, der gesamte Aufbau der linken Seite ist durch den Bügel geschützt worden.

Mein persönliches Fazit für diesen Tag? Absolut genial!
Jeder der mit seiner Maschine einen Urlaub plant und dieser nicht auf dem ersten bisschen Schotter aufhören soll, sollte so ein kleines Training gemacht haben. Mir wurden viele Ängste genommen, auch wenn ich noch lange lange kein Profi bin, nicht mal ein Amateur, so weiß ich nun viel besser was mit meiner dicken alles möglich ist. Der Feldweg macht mir nun überhaupt keine Sorgen mehr, der Schotterpass in den Alpen steht als nächstes auf dem Programm. Als Änderung an meinem Jagdbomber wünsche ich mir eine ordentliche Rallye Verkleidung die so fest mit dem Motorrad verschraubt ist das nichts klappert oder scheppert bei einer Bodenwelle. Wahrscheinlich werde ich da mal ein Wörtchen mit Roger Guhr sprechen, eventuell kann man da was aus Alu machen…

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